von Jan Depner
Manchmal beginnt persönliche und professionelle Entwicklung genau dort, wo wir anfangen wahrzunehmen, dass wir sie bisher abgewehrt haben.
Coaching behandelt selten ausschließlich Sachfragen. Im Gegenteil: Hinter Konflikten, Entscheidungsblockaden, Erschöpfungszuständen oder Führungsproblemen stehen häufig irrational wirkende, emotionale Dynamiken, die sich nicht allein durch eine rationale Einsicht verändern lassen. Davon auszugehen, dass im Coaching darüber hinaus lediglich die emotionalen Dynamiken des Gegenübers im Vordergrund stünden, wäre ebenfalls zu kurz gedacht. Ein Coach, ohne Wissen über die eigenen emotionalen Dynamiken in der jeweiligen Interaktion, wird die Funktion dieser Prozesse beim Gegenüber nicht ausreichend verstehen können. Denn zwischenmenschliche Interaktionen sind bidirektional.
Aus neurobiologischer Sicht sind Emotionen Teil zentraler Regulations- und Orientierungssysteme des menschlichen Organismus. Aufgrund emotionalen Erlebens bewerten wir fortlaufend, was für uns sicher oder bedrohlich, angenehm oder belastend ist. Ereignisse können emotionale Spuren hinterlassen, die ein neurobiologisches Korrelat haben und unsere Aufmerksamkeit, Wahrnehmung sowie unser Entscheidungsverhalten und damit auch zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen – auch im Coaching.
Vermeidung und Abwehr
So wie konkrete Personen oder Situationen vermieden werden können, kann auch emotionales Erleben, wie Angst, Freude oder Wut, vermieden werden. Das entsprechende, zu beobachtende Vermeidungsverhalten ist vielfältig, da die Umgebungsreize, die mit emotionalem Erleben assoziiert sein können, ebenfalls vielfältig sind. Verhaltensweisen, wie
- Rückzug,
- Grübeln,
- übermäßiges Kontrollieren,
- Rationalisieren,
- Perfektionismus,
- Harmonisierung,
- emotionale Distanzierung,
- oder ständige Aktivität und Funktionieren
können ein Hinweis auf ein solches Vermeidungsverhalten sein.
In der Verhaltenstherapie wird Vermeidungsverhalten in Form von sehr allgemeinen Reiz-Reaktions-Mustern beschrieben. Psychodynamische Theorien nutzen hingegen das mentale Konzept der Abwehr, um Vermeidung bestimmter Emotionen als psychischen Prozess zu verstehen.
Abwehrmechanismen haben in der Psychoanalyse eine zentrale Bedeutung. Sigmund Freud (1923) ging davon aus, dass alles Psychische im Unbewussten liegt. Abwehrmechanismen verstand er als eine unbewusst angewandte Zensur von Inhalten, die wir unserem Bewussten zumuten oder eben nicht. Die hierauf basierenden Forschungen haben zu einem zwar uneinheitlich, jedoch bereits systematisierten, evidenzbasierten Setzkasten geführt, in den unterschiedliche Formen von Abwehrmechanismen mit unterschiedlichen Konsequenzen für uns und unser Umfeld eingeordnet werden können.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht können Beschädigungen der Bindung zwischen Kind und primären Bezugspersonen, meistens Eltern, zu einem beschädigten Abwehrsystem führen. Wenn schmerzhafte Bindungserfahrungen nicht mit unseren primären Bezugspersonen konstruktiv verarbeitet werden können, kann es in der Folge passieren, dass sowohl die hiermit verknüpften Emotionen vermieden werden als auch die Art von Beziehungen, die diese Gefühle auslösen können. Vor dem Hintergrund seiner unreifen psychischen Entwicklung ist ein solches Kind dann auf die eigenen, unreifen Abwehrmechanismen angewiesen. Im weiteren Verlauf kann sich eine Angst vor Nähe und Intimität im Allgemeinen entwickeln.
Zwar ist Abwehr nicht per se dysfunktional. Sie ist vielmehr eine mentale Fähigkeit, ohne die wir keine Persönlichkeitsstruktur herausbilden könnten. Ein gesundes psychisches Abwehrsystem schützt vor Unzumutbarkeiten äußerer und innerer Realitäten. Hierzu täuschen wir uns unbewusst selbst, um unser Selbstbild zu schützen.
Doch da das Abwehrsystem bereits im Kleinkindalter durch die Interaktion mit den primären Bezugspersonen angelegt wird, ist es anfällig für Beschädigungen während seiner Entwicklung. Es ist daher möglich, auch als erwachsene Person unreife, frühkindliche Abwehr zu zeigen. Unreife Abwehr kennzeichnet eine Rigidität in der Auswahl der Mechanismen sowie eine signifikante Realitätsverzerrung. Reife Abwehr hingegen kennzeichnet Flexibilität und eine geringe Realitätsverzerrung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Abwehrmechanismen Aufschluss über die Struktur, d.h. die mentalen Fähigkeiten, einer Person geben können.
Problematisch wird die Abwehr dort, wo sie starr und realitätsverzerrend wird:
- wenn Emotionen dauerhaft vermieden werden,
- wenn Beziehungen darunter leiden,
- wenn Entwicklung blockiert wird.
Abwehr im Coaching
Häufig finden Menschen genau dann ins Coaching, wenn die negativen Konsequenzen unbewusster, starrer Abwehr überwiegen, so dass sie ausreichend motiviert sind, etwas zu verändern. An dieser Stelle ist es entscheidend, zu verstehen, welche Emotionen im Hintergrund vermieden werden. Das Verständnis der emotionalen Dynamik hinter dem Verhalten, bietet zunächst eine notwendige Basis für nachhaltige Veränderungen. Dies zu erkennen und gemeinsam mit den Klient*innen zu bearbeiten, beinhaltet allerdings spezifische Herausforderungen für den Coach.
Zum Beispiel mag die Motivation zur Veränderung seitens der Klient*innen zwar gegeben, jedoch ambivalent sein. Das beschriebene Anliegen bekommt dann eine Form, die häufig mit dem Prinzip „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ umschrieben wird. Das belastende Erleben wird nach wie vor vermieden, denn die Hintergründe psychischen Leids sind meist schmerzvolle, mit sehr unangenehmen Emotionen besetzte Erlebnisse. Durch die Vermeidung werden die Inhalte dem bewussten Denken entzogen. Hierdurch verdeckt die Abwehr eine für das Coaching relevante Dynamik, die es jedoch zu verstehen gilt. Abwehrmechanismen sind an dieser Stelle insofern interessant, als dass sie, durch den Versuch etwas zu verbergen, erst darauf hinweisen, dass es etwas aufzudecken gibt.
Im therapeutischen Rahmen wie auch im Coachingsetting kann innerpsychische Abwehr zu einem Widerstand werden, der in der Interaktion zwischen Menschen in der Zusammenarbeit kristallisiert. Ein Coach oder das Gegenüber zeigt dann Interaktionsverhalten, das sich außerhalb dieser Interaktion schon wiederholt als schädlich erwiesen hat und auch im Coachingsetting schädlich werden könnte. In diesem Prozess kann es sehr schnell passieren, dass sowohl Coach als auch das Gegenüber für den Prozess hinderliches Verhalten zeigen. Wird diesem Prozess professionell begegnet, können Symptomreduktionen und förderliche Entwicklungen ermöglicht werden. Wird dieser Prozess nicht erkannt, bleibt das Problem bestehen oder verschlimmert sich sogar. Für das Erkennen solcher Prozesse, ist nicht nur Fachwissen über emotionale Dynamiken bedeutsam, sondern auch differenziertes Wissen über sich selbst, wie das folgende Beispiel zeigt.
Ein typisches Fallbeispiel aus dem Coaching:
Ein Coach berichtet in der Supervision von wiederkehrender Überlastung in seinem Beruf. Ihn würden Klient*innen konsultieren, die ihn aufgrund ihrer Anliegen dazu verleiten würden, sich über das Maß hinaus zu engagieren. Dann bereite er Sitzungen mit hohem Aufwand vor, er beschäftige sich gedanklich übermäßig viel damit. Solche Sitzungen würden, verglichen mit anderen Gesprächen, häufig länger dauern, er sei emotional viel involvierter. Auf Nachfrage berichtet er, dass er gegenüber bestimmter Klient*innen besonders besorgt sei, inkompetent zu wirken und nicht weiter helfen zu können.
Im Verlauf der supervisorischen Sitzung wird deutlich, dass bestimmte berufliche Situationen Angst in ihm auslösen. Zunächst kommt die Selbstbeschreibung seines eigenen emotionalen Prozesses in diesen Situationen ohne das Wort „Angst“ aus. Er beschreibt das emotionale Erleben in solchen Situationen als „schwierig“ und „irgendwie stressig“. Der Frage nach seinem emotionalen Erleben in der aktuellen Situation weicht er aus (Abwehr): Zunächst gibt er vor, nicht zu verstehen, wie er auf die Frage, was er gerade emotional fühle, antworten soll. Erneut gefragt, antwortet er an der Frage der Supervisorin vorbei. Wiederum befragt, macht er sich Vorwürfe, selbst für das Beantworten einer solchen Frage zu dumm zu sein. Dann formuliert er eine rationale Erklärung, weshalb er sich gerade komisch fühle. Befragt nach seinen körperlichen Reaktionen in der aktuellen Situation schildert er Enge im Brustkorb, eine flachere Atmung und einen erhöhten Herzschlag. Wiederholtes Seufzen ist zu beobachten. Die Supervisorin meldet zurück, dass dies typische physiologische Korrelate von Angst seien.
Dieses Fallbeispiel zeigt, wie sich ein zwischenmenschliches Beziehungsmuster, dass ein Coach in seiner Supervision thematisiert, ebenfalls in der Beziehung zu der Supervisorin wiederholt. Es zeigt darüber hinaus, dass u.a. das beharrliche Interesse der Supervisorin, welches Nähe herstellt, Angst und Abwehr im Coach auslöst, wodurch es besprechbar werden kann.
Wissen über Emotionen und Abwehr: potentieller Nutzen im Coaching
Habib Davanloo (1990), der Begründer der Intensiven Psychodynamischen Kurzzeittherapie (Intensive short-term dynamic Psychotherapy; ISTDP), suchte einen Weg, der in kurzer Zeit einen Zugang zum Unbewussten ermöglicht, um dauerhafte Veränderungen im psychischen Erleben, im Verhalten sowie in persönlichkeitsstrukturellen Bereichen psychisch erkrankter Menschen zu erzielen. Aufgrund von Unterschieden zwischen Coaching und Psychotherapie kann es nicht das Ziel sein, Coaches in diesem Verfahren anzuleiten. Doch Gemeinsamkeiten von Coaching und Psychotherapie geben Anlass, grundlegende Erkenntnisse Davanloos auch im Coaching zu nutzen.
Seit den 60er Jahren wertete Davanloo audio-visuell dokumentierte Therapiesitzungen aus. Er entwickelte eine Theorie, nach der schmerzhafte Bindungserlebnisse und damit einhergehende, unverarbeitete negative Emotionen, wie Wut und Schuld, fusionieren und ins Unbewusste verschoben werden können. Von da aus können sie sich schädlich auf unseren Umgang mit uns selbst sowie mit unserem Gegenüber auswirken. Er nahm an, dass beispielsweise eine Nähe suchende Person, wie die oben erwähnte Superivorin, Ängste auslösen kann, die wiederum Abwehrmechanismen auslösen. Auf neurobiologischer Ebene ging er von einer eingeschränkten oder blockierten Entwicklung der Informationsüberleitung und Informationsverarbeitung zwischen limbischem System und kortikalen Zentren aus.
Erkenntnisse können u.a. die folgenden unterstützenden Beiträge im Coaching leisten:
- Gesprächstechniken, die das emotionale Erleben im Hier-und-Jetzt fokussieren
- Erkennen der beschriebenen Emotionen durch genaue Exploration sowie Differenzieren dieser aufgrund unterschiedlicher physiologischer Korrelate
- Wissen über die Phänomenologie der Angst: Was löst sie aus? Wie erkenne ich sie? Welche körperlichen Ausbreitungswege werden unterschieden? Was bedeuten diese Unterschiede für den weiteren Coachingprozess? Was sollte beachtet werden?
- Wissen über Abwehrmechanismen: Was löst sie aus? Wie kann ich sie unterscheiden? Welche Bedeutung haben sie für die Interkation im Coaching? Welche Hinweise geben sie auf die Persönlichkeitsstruktur und was bedeutet das für die Frage nach der Indikation ob Coaching oder Psychotherapie? Was sollte im Coaching beachtet werden? Welche Abwehrmechanismen können auf welche Weise überwunden werde, um darunter liegende Dynamiken zu verstehen und zu verändern?
LITERATUR
Davanloo, H. (1990). Unlocking of the Unconscious. Wiley, Chichester (dt. Der Schlüssel zum Unbewussten. Pfeiffer, 1996).
Freud, S. (1923). Das Ich und das Es. GW Bd. 13
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